Einstein und der Würfel: IT-Projekte und (k)ein freier Wille?

Vor einigen Tage hatte ich auf XING mal wieder eine dieser „öffentlichen Fragen“ gestellt, wobei mir unklar ist, wozu es das gibt: Da fragt einer was und irgendwelche Leute geben ihren Senf dazu. Da ich diese „App“ selbst verwendet habe, sollte ich mich mal selbst fragen, warum ich das mache – komme aber an der Stelle nicht weiter. Das muss wohl so ein Web-2.0-Social-Software-Syndrom sein, welches als virulenter Selbstläufer das natürliche Mitteilungsbedürfnis der Menschen derartig heftig anspricht, dass sie nicht umhin können, (nutzlose?) Fragen aufzunehmen (und zu beantworten) statt ihre Mittagspause für die Nahrungsaufnahme zu nutzen. Nun ja, sei es drum. Es gab jedenfalls schon nach wenigen Stunden über 14 Antworten von fleißigen Menschen, wobei mich die Qualität der Beiträge durchaus beeindruckte. Die Gegenfrage einer Teilnehmerin („Haben Sie schon einmal daran gedacht, einen philosophischen Stammtisch vor Ort zu gründen?“) hat mich wirklich einen Augenblick motiviert, da mal eine kleine Quasselrunde ins Leben zu rufen.
Aber zurück zur Frage. Die lautete „Würfelt Gott wirklich nicht? Und was hat das mit uns zu tun?“. Als Erläuterung habe ich mal einen kleinen Text angefügt, damit das nicht in so einer philosophisch-allgemeinen Antwortwolke aus Beliebigkeit und Trivialaussagen endet: „Die Frage zielt nicht so sehr auf Albert Einsteins Unbehagen bzgl. des Zufalls ab (stochastische Erklärungen in der Quantenmechanik), indem er sagte, dass ‚der Alte nicht würfelt.‘ (mit dem ‚Alten‘ ist so etwas gemeint wie Gott) , sondern eher die Auswirkungen auf uns: Gibt es in unserem Leben generell keinen Zufall? Ist alles berechenbar bzw. berechnet und damit vorher bestimmt? Hat Pantheismus oder die Idee eines Uhrwerkuniversums Auswirkungen auf unsere tägliche Arbeit? Denken wir darüber nach? Wird ein IT-Projektmanager gelassen(er), wenn er / sie weiß, dass es ohnehin keinen Zufall gibt und sich alles berechnet oder berechnen lässt?“
Wie gesagt: Es kamen einige interessante Antworten, aber so richtig aufarbeiten konnten wir das Thema dann halt doch nicht – was will man denn da nun auch „auf die Schnelle“ erwarten? Also ich versuche nochmal einen kleinen Exkurs: Wenn es keinen Zufall gibt, dann müsste sich ja eigentlich alles berechnen lassen. Selbst der Wurf eines Würfels ließe sich berechnen. OK, mag sein. Aber dann musste sich ja eigentlich auch die Entwicklung der Erde „berechnen“ lassen. Und auch die Entwicklung des Universums, weil es ja keinen Zufall gibt. Ja, das könnte auch sein. Nun machen wir mal einen Schwenk zum Menschen: Der hat(te) mal so etwas wie einen freien Willen – zumindest denken das manche Menschen. Gut, auch das mag so sein. Aber unsere Handlungen sind nach der „Theorie des verbotenen Zufalls“ ja dann auch berechenbar, denn sie müssen sich aus den vorherigen Systemzuständen ergeben (wenn es keinen Zufall gibt, dann bleibt doch nichts anderes übrig, oder?). Wenn sich das also alles „ergibt“, dann haben wir gar keinen „freien“ Willen, sondern einen vorhersagbaren (berechenbaren) Willen. Hmmmm. Nun kommt mir die Sache aber doch recht merkwürdig vor. Das würde ja bedeuten, dass ich nichts machen müsste, denn meine Zukunft ist ja schon „berechnet“, d.h. festgelegt auf der Basis einer uns noch nicht bekannten Formel – ziemlich demotivierend wirkt das auf mich. Wenn ich Sport treibe, dann war das also vorher bekannt (nur mir nicht, weil ich die Formel nicht kenne) und wenn ich keinen Sport treibe … auch. Egal was ist tue, das hätte man alles berechnen können. Ich bin also nur eine berechenbare Zahl im Uhrwerkuniversum. Oh je.
Ich weiß nicht wie es Ihnen als Leser bzw. Leserin geht, aber mein Bauchgefühl hat da ein kleines Problem mit dem „berechneten“ Menschen. Zufall oder nicht? Das ist hier die Frage. Ach, es gibt ja noch eine dritte Möglichkeit: Die höhere Instanz. Also der „Alte“ könnte ja den Lauf der Dinge ständig beeinflussen, d.h. wenn da mal was passiert oder eine Sport treiben will, dann könnte das eine „göttliche“ Eingebung gewesen sein. Damit wird der Alte zur „Zufallssubstitution“ herangezogen. Naja, das könnte ja sein. Ich frage mich aber nur, macht der Alte das nun zufällig oder nicht, d.h. hat er die „Hoheit“ über den Zufall oder nicht? Wenn es für ihn auch keinen Zufall gäbe, dann wäre uns wenig geholfen, denn dann wäre der arme Kerl ja in der gleichen Berechenbarkeitsfalle gefangen wie wir. Und wenn er zufällig handelt, dann bin ich aber ganz schön neidisch … und verstehe nicht, warum er das hat und uns nichts davon  abgibt. Oder der Alte (vielleicht ist er/sie ja sogar recht jung) soll uns mal die Formel geben, dann wären die Finanzkrise und viele viele gescheiterte IT-Projekte vorhersagbar und damit vermeidbar gewesen. Tja, das ist nun ganz schlecht gelaufen.
Vor allem muss man das mal vom Standpunkt des Unterhaltungswertes her sehen. Was sollte den „Alten“ (Gott oder so)  denn motivieren eine Welt zu schaffen, deren Verhalten sich vorab (!) berechnen lässt? Das ist doch eine völlig langweilige Veranstaltung, oder? Viel spannender ist es doch, die Akteure mit etwas Zufall auszustatten und dann mal zu sehen, wie es so läuft. Da kann man dann mit den anderen Alten vielleicht eine kleine Wette abschließen, z.B. ob der Homo Sapiens sich nun selbst mitsamt der Erde ins Jenseits befördert oder sich die Sonne doch zuerst abschaltet. Das ist doch Spannung pur – zumindest gut für das Vorabendprogramm.
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Über Prof. Dr. Roland Petrasch

Born 1965 in Berlin, Germany, study Mathematics at Beuth Hochschule (formerly TFH Berlin), Ph.D. from University Potsdam (Topic: Software Quality Management). System programmer at Nixdorf, Software engineer and project lead at Lufthansa Informationstechnik, consultant (freelancer). 1999 Professor at a private college (Nordakademie), and Hochschule für Technik und Wirtschaft (formerly FHTW Berlin), since 2003 professor for software engineering at Beuth Hochschule für Technik; research topics: software engineering, (agile) project and quality management, HCI; Books “Einführung in das Software-Qualitätsmanagement” and "Model Driven Architecture", Editor for „Software-Qualitätsmanagement: Theorie und Praxis“; Memberships: Gesellschaft für Informatik e.V., Fachgruppe "Software-Usability" (www.software-usability.de), MDSE (Model Driven Software Engineering, www.sig-mdse.org), Manager at Interactive Software and Media Engineering
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Eine Antwort zu Einstein und der Würfel: IT-Projekte und (k)ein freier Wille?

  1. Oliver Meimberg schreibt:

    Das Problem ist ja doch eigentlich, dass wir in unserer Wahrnehmung eingeschränkt sind und damit dem Problem der Subjektivität erliegen. Wir wissen inzwischen, dass die 3-4 Dimensionen (3 x Raum und einmal Zeit), die unseren Wahrnehmungsbereich definieren ebenfalls subjektiv und vor allem ziemlich willkürlich gewählt sind.

    Prädestination und Wahrscheinlichkeiten sind Werkzeuge der Unwissenden und immer subjektive Einschätzungen. (Prädestination einspricht einer Eintritswahrscheinlichkeit von 100% ist also, zumindest theoretisch, ein Spezialfall der Wahrscheinlichkeitsrechnung). Eine echte Tatsache bleibt eine Tatsache auch wenn sie in der Zukunft liegt. Wenn ein Gesetzt 2011 in Kraft tritt sprechen wir ja auch von einer Tatsache und nicht von Vorbestimmung.

    Es gibt ein schönes, anschaulisches Beispiel für die dimensional eingeschränkte Vorstellungskraft: Man stelle sich ein Wesen (ein Tier oder so) vor, welches aufgrund seiner biologischen Beschaffenheit nur in der Lage ist, zwei Dimensionen des Raums wahrzunehmen, also nur vorwärts, rückwärts links oder rechts. Aber nie oben oder unten. Ist doch denkbar, oder? Nennen wir das Wesen einfach mal Fritze. Fritze bewegt sich also immer nur horizontal. Er läuft zwar auch mal einen Hügel hinauf oder hinab, bekommt das aber nicht mit. Denkbar, oder?

    So. Nun nehmen wir einen Zettel, viereckig. Auf die eine Ecke setzen wir Fritze. Nun knüddeln (knüddeln?) wir das Papier zusammen und achten darauf, dass Fritzes Ecke genau auf der auf dem Papier diagonal gegenüberliegenden Ecke liegt und diese auch berührt. Nun sagen wir Fritze: „Geh doch mal auf die gegenüberliegende Ecke des Papiers“ und Fritze wird sagen „Boah, nee, da bin ich ja ewig unterwegs“ und macht sich auf den Weg quer durch den Papierknüddel. Fritze wird nie wissen, wie nah er der der gegenüberliegenden Ecke in Wirklichkeit (Wirklichkeit? Wessen Wirklichkeit?) bereits war, nicht einmal, wenn man es ihm zu erklären versucht.

    Änhlich geht es uns. Wir nehmen lediglich Raum und Zeit wahr, weil unsere Sinnesorgane zu dessen Wahrnehmung nun mal fähig sind, und glauben, das sei nun die Basis sämtlicher Kausalketten. Es gibt aber sicher weitere Dimensionen, die sich unserer Wahrnehmung entziehen. Damit erliegen wir (wie Fritze) dem Problem der Unwissenheit. Und damit sind wir angewiesen auf Begriffe wie „Wahrscheinlichkeit“ oder „Vorhersehung“. Die Dimension „Zeit“ wird meiner Meinung nach überschätzt.

    Ich glaube, dass es ein in sich schlüssiges und vor allem lückenloses Kausalsystem gibt, das allerdings weitaus mehr Gesetzen folgt, als wir wahrnehmen können. Und dieses Kausalsystem ist aus meiner Sicht das, was viele die „höherere Kraft“ nennen.

    Wenn man es ein wenig romantischer möchte, kann man dieses Kausalsystem personifizieren und Gott nennen. Unser eigenes Gehirn ist ebenfalls ein komplexes System, dessen Vorgänge jedoch ebenfalls prädestiniert sind. Man kann nun einen Schritt weiter gehen und sagen, dass auch dieses „globale Kausalsystem“ (Gott) ein komplexes System ist, dem wir daher durchaus eine Intelligenz zuschreiben können. Demnach können wir ihm (je nach Glaubensrichtung) auch ein Bewusstsein zuschreiben. Nun mogeln wir noch ein wenig Kultur mit unter (ja, es ist ein Mann, und er hat vielleicht auch einen Bart) und schon haben wir unser Gottesbild. Okay, das mit dem Mann und dem Bart ist geschummelt, aber so kann sich man „ihn“ sich schließlich besser vorstellen und im Prinzip macht es ja auch keinen Unterschied. So haben wir einen Mann geschaffen, der alles weiß. Und alles ist. Und alles war. Schon fast religiös…

    Also um mal zum Punkt zu kommen: Ich denke, theoretisch alles ist vorherbestimmt, aber wir werden niemals einen Weg finden, alles vorauszuberechnen, daher ist es im Prinzp auch ziemlich wumpe.

    Punkt.

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