Deutschland schafft sich ab? Nein: Deutschland bleibt sich treu – zumindest „bürokratisch“ gesehen …

Das ist schon komisch mit dem Deutschland unserer Tage: So unterschiedlich kann die Wahrnehmung sein, denn wo andere schon von der (Selbst-)Abschaffung reden, sind wir aus meiner Sicht noch gar nicht auf dem „Höhepunkt“ angelangt. Man ahnt es ja schon: Meine Geschichte heute ist nicht genetisch oder handelt um einen Migrationshintergrund, sondern mal wieder um den Bürokratenvordergrund: Es geht um den „Zenit der deutschen Bürokratie“, der vielleicht bald erreicht sein wird. Hurra!

Nun aber mal schön der Reihe nach: Eines schönen Tages (also Ende der Kalenderwoche 40) stellte ich fest, dass mein Sohn erfreulicherweise von einer akuten Attacke „Herbstferien“ bedroht wurde. Während ich mich noch für ihn freute, stieg in mir so langsam das Gefühl auf, das man kennt, wenn irgend etwas nicht stimmt (s. Inkongruenzentdecker). Da wurde mir klar, dass ich gar keine Herbstferien habe und somit ein Betreuungsproblem existiert. Die Freunde sind verreist, die Nachbarn sind kinderlose Snobs und die Oma ist gesundheitlich angeschlagen. Au weia, was für eine Sauerei! Übrigens kommen wir im Rahmen dieser „tierisch“ schlimmen Geschichte später wieder auf das Schwein zurück (statt „auf den Hund gekommen“ sozusagen).

„Kein Problem“, dachte ich, „mir wird bestimmt geholfen, denn wir leben ja in einem derartig familienfreundlichen Land, dass sich selbst das Ordnungsamt in seinem erbarmungslosen Pflichterfüllungswahn um mein parkendes Auto vor der Kita kümmert und es schafft, innerhalb von 5 Sekunden Strafzettel auszustellen, obwohl ich niemanden behindert und einen Kita-Parkschein des Bezirksamtes an der Scheibe habe“ (s. Brief an den Polizeipräsidenten). So eine „Performance“ gehört übrigens ins Guinness Buch der Rekorde, denn wenn die in dem Buch einen Rekord für die „Größte in zwei Minuten gemolkene Milchmenge“ haben (s. Web-Seite), dann könnte es doch auch so etwas wie die „Größte Menge an abkassierten parkenden Eltern vor der Kita in 10 Sekunden“ geben, oder? Man stelle sich mal diesen unglaublichen Image-Gewinn in der Welt vor, wenn da steht: Rekordhalter: „Ordnungsamt von Berlin-Schöneberg, Deutschland“. Nun ja, wie auch immer: Ich wollte ja eigentlich von den Herbstferien erzählen. Ich verwende dafür mal so eine Art Tagebuchform, damit der zeitliche Verlauf deutlich wird.

Tag 1: (Freitag): Ich frage den Erzieher in der Schule, wie das nun mit der nächsten Woche wäre, denn da sind ja Ferien. Es gibt ja bestimmt ein Ferienprogramm und da mein Sohnemann schon hier an der Schule ist, kann er ja bestimmt dabei sein, denn ich muss am Montag ca. 11 Stunden arbeiten – ich arme Sau …

Manche Fragen sollte man einfach nicht stellen – das wird einem bei staatlichen Institutionen sehr schnell klar. Der Erzieher antwortete mir freundlich, aber besorgt: Da wäre ich aber spät dran, denn ich müsse erst mal zum Jugendamt einen Bedarfsbescheid beantragen und dann müsse ich noch einen Vertrag mit der Schule abschließen, denn so einfach ginge das ja schließlich nicht. Formulare würde ich ich aber schon mal hier beim Chef bekommen. Viel Glück!

„Na toll.“, denke ich, „Das kann ja heiter werden“. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, auf was ich mich da eingelassen hatte. Aber wie heißt es so schön frei nach Goethe „Die ich rief, die Geister und Bürokraten / Werd‘ ich nun nicht los.“

Den Samstag und Sonntag nehmen wir mal hier raus, d.h. die „zählen“ nicht. Weiter geht es mit dem Montag und dem Dienstag:

Tag 2 und 3 (Mo. und Di.): Ich schaue mal ganz früh ins Internet und sehe zu meiner Freude und zu meinem große Erstaunen, dass das Jugendamt anscheinend von Montag bis Freitag von 9:00 Uhr bis 13:00 Uhr geöffnet ist. Das sind richtig tolle Zeiten für berufstätige Menschen, denke ich, aber dass die wirklich jeden Vormittag offen haben und vielleicht arbeiten (0der zumindest anwesend sind und Bürger empfangen), finde ich faszinierend. Schade, dass ich am Montag und Dienstag Seminare habe, aber mein Sohn soll auch mal etwas über Software-Engineering-Prozesse, Metamodelle und Code-Generierung erfahren – er ist ja schließlich mit 6 Jahren alt genug dafür. Also nehme ich ihn einfach mit zur Vorlesung. Die Studenten sind recht verständnisvoll bzw. reagieren gleichgültig auf den kleinen Gasthörer. Fazit: Das klappt besser als ich dachte. „Die Studenten werden ja auch immer jünger“ ist der häufigste Satz, den ich an diesen Tagen höre. Das Essen in der Mensa bekommt uns beiden auch richtig gut.

Tag 4 (Mittwoch): Der große Tag ist da und wir gehen pünktlich um 9:00 Uhr zum Bezirksamt. Im Foyer wartet auch schon eine extrem „freundliche“ Dame am Empfang. Ich frage sie, wo das Jugendamt wäre. Ihre Antwort: „Das Jugendamt ist morgen im 2. OG da.“. Ich frage sie, warum es denn nicht heute im 2. OG „da“ ist. Sie bringt mir schonungslos bei, dass heute geschlossen ist und es halt morgen wieder eine Sprechstunde gibt. Ich bin ein bisschen verwirrt, aber der Gestik, der Mimik und der Körpersprache der guten Frau entnehme ich, dass ihre Kapazitäten für eine weitere Kommunikation mit mir erschöpft sind. Ich sage zu meinem Sohn: „Siehst Du, so sind Ämter: Wenn man sie braucht, sind sie nicht da.“ Nun ja, morgen ist auch noch ein schöner Tag, an dem man sich auf den dunklen, cremig-grauen Behördengängen herumtreiben kann. Die Aktion hatte gerade einmal 3 Minuten gedauert, aber als ich dann zum Parkplatz kam, blinzelte mich ein Zettelchen am Scheibenwischer an: Ein netter Strafzettel vom flinken Parkwächter. Klasse! Während Jugendämter geschlossen sind, klappt das Abkassieren halt immer noch jederzeit und in Rekordzeit. Vermutlich sind das die „Amtsträger“ vom Jugendamt, die heute „Ausgang“ haben: Statt von irgendwelchen verzweifelten Eltern Anträge entgegen nehmen zu müssen, sollen die Damen und Herren vielleicht heute mal „Umsatz“ auf dem Parkplatz machen. Aber nein, das kann nicht sein: Das Ordnungsamt lässt sich doch nicht von barmherzigen Jugendamt-Softies die hart erkämpfte Butter vom Brot nehmen. Ich unterdrücke also ein zweites Mal mein Fluchen und gehe erst mal auf den Spielplatz … Wenn das so weitergeht, dann brauche ich gar keinen Bedarfszettel mehr – die Herbstferien sind im Gegensatz zum „Irrsinnsgrad“ von Bürokratien doch recht endlich.

Tag 5 (Donnerstag): Und da stehen wir wieder einmal pünktlich um 9:00 Uhr im Palast des Bürgerglückes, dem Bezirksamt. Diesmal lasse ich die „Freundlichkeitsbeauftragte“ in Ihrem Empfangskabuff links liegen (man muss sich ja nicht unnötig den guten Morgen verderben) und schaue auf die große Wandtafel direkt daneben: „Ha! Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“, denke ich und sage es lauthals, damit es die „Dame“ im Kabuff hören kann – was aber mit Sicherheit keinerlei Effekt haben wird. Immerhin spart mein Lesen wertvolle Kommunikationsenergie, was ich bei Ämtern wirklich schätzen gelernt habe. Mein Sohn schaut mich fragend an und ich erkläre ihm, dass er nicht nur für Behördengänge so schnell wie möglich das Lesen lernen sollte.

Wir gehen in den 2. Stock zum Zimmer 2541 oder so, an dem steht, dass man vielleicht ins Zimmer 2543 sollte, wo dann wieder steht, dass die Anträge im Zimmer gegenüber angenommen werden. Diese liebevoll mit bunten Zetteln beklebten Zimmertüren in den Ämtern (s. Photo) bestärken mich irgendwie in dem Glauben, dass hier ursprünglich zwar mal jemand arbeiten wollte, aber man durch eine Verkettung unglücklicher Umstände dann letztendlich für den Bürger doch nicht da sein kann. Ich bin verwirrt und fange einfach nochmal von vorne an: Ich versuche die erste Tür zu öffnen, an der ich war. Es klappert gewaltig, aber öffnen lässt sich dieser magische Zugang zu staatlicher Dienstleistung leider nicht. Leicht genervt probiere ich es an der nächsten Tür, die in faszinierend gleicher Art klappert – aber verschlossen ist. Auch die nächste Tür reagiert auf keinerlei Sesam-öffne-Dich-Spruch. Ich fühle mich hilflos und allein gelassen vom Amt … Wut steigt in mir auf. Da … was ist das? Eine Stimme! Ja, da ruft jemand. Juchu, es gibt Hoffnung. Ich eile zur helfenden Stimme und … tatsächlich: Da steht eine Sachbearbeiterin in der zuvor verschlossenen Tür! Der Anblick dieser trostlosen und grauen Person stürzt zwar normalerweise jeden Besucher spontan in eine tiefe Depression, aber ich habe ohnehin keine Brille auf, bin nun guter Dinge und versuche mit ihr zu kommunizieren: „Aha, es ist doch jemand da. Das ist aber schön.“ sage ich. Sie antwortet mürrisch: „Naja, Sie haben ja so laut an der Tür gerüttelt, dass wir es hören konnten … wir sind sozusagen wach gerüttelt worden.“ Das ist ja unfassbar! Diese Ehrlichkeit verblüfft mich völlig … oder ist das der neue subtile Humor der Berliner Verwaltung? „Berlin ist pleite, sexy und irrsinnig witzig“ hat Bürgermeister Wowereit vielleicht als neues Motto ausgerufen.

Ich will der guten Frau gerade erklären, dass ich dringend so ein Bedarfsdingsbums für meinen Sohn brauche, da kommt sie mir zuvor: „Wir haben jetzt keine Sprechstunde. Da müssen Sie schon um 15:00 Uhr wiederkommen.“ Ich verstehe das nicht und sage: „Aber im Internet habe ich doch gerade gestern gesehen, dass Sie um 9:00 Uhr geöffnet haben. „Das kann nicht sein.“ sagt sie. „Aber da steht es doch so im Internet …“ versuche ich nochmals in einem Anflug von Irrationalismus, denn ich weiß: Ein Sachbearbeiter auf einem Amt hat die mentale Flexibilität und die Widerstandskraft einer Panzerglasplatte – da prallt einfach alles ab. „Das kann nicht sein“ wiederholt die Dame dann auch. Ich merke, dass sich das Gespräch beliebig oft im Kreis drehen wird und der Verlierer steht auch schon fest. Mein Vater sagte immer: „Streite Dich nicht mit den subalternen Typen und Handlangern herum, das macht keinen Sinn.“ – er hatte ja so recht.

Also gehe ich mal wieder mit meinem Sohn, der sehr viel über die deutsche Bürokratie gelernt hat, zum Spielplatz und versuche, meinen Adrenalinspiegel in den Griff zu bekommen. Ich schaue mir nochmal das Antragsformular an. Auf der zweiten Seiten steht dann eine Information zu den Öffnungszeiten des Jugendamtes und tatsächlich: Die haben nur Dienstag am Vormittag und Donnerstag am Nachmittag geöffnet. Das wäre also geklärt. Konnte ja auch gar nicht wahr sein, dass die jeden Tag für den Bürger zu sprechen sind … ja, wo kämen wir denn da hin? Es reicht ja schließlich, wenn das Ordnungsamt ununterbrochen Parksünder zur Strecke bringt. „Ordnung(samt) ist wichtiger als Jugend(amt)“ hat Vowereit sicherlich postuliert.

Immer noch Tag 5 (Donnerstag): Pünktlich um 15:00 Uhr finden wir uns dann in den heiligen Amtshallen ein. Nach der üblichen Verwirrung stehen wir nun vor der richtigen beklebten Tür und treten ein. Ja! Es ist geöffnet und die Sachbearbeiterin setzt uns nicht sofort wieder vor die Tür – das ist ein Etappensieg. Ich erkläre ihr, dass ich so ein komisches Bedarfsding brauche und dafür schon mal das Bedarfsmeldungsantragsformular ausgefüllt habe. Sie schaut es sich an und fragt dann nach meinem Einkommensnachweis. Klar, dass ich den nicht mitgenommen habe. Ich wusste es ja eigentlich schon vorher: Wenn Du zu einem Amt gehst und was willst, dann KANN es gar nicht klappen, denn irgendein Mist, den die Bürokraten brauchen, hast Du bestimmt vergessen. Ich versuche der Sachbearbeiterin zu erklären, dass wenn ich nicht arbeiten würde, dass ich dann doch auch keinen Bedarf hätte und auch nicht in ihrem wunderschönen Amtszimmer sitzen müsste und überhaupt ist das doch egal. Sie sagt: „Ja, ich glaube Ihnen ja, aber ich muss wissen, ob Sie arbeiten“. Ich versichere ihr erneut, dass ich einer (relativ) geregelten Tätigkeit nachgehe und auch immer mein Mittagessen aufesse, damit das Wetter schön wird. Weiterhin frage ich sie: „Wieso ist das überhaupt von der Arbeit abhängig? Die Kinder von arbeitslosen Menschen sollten doch auch das Ferienprogramm in Anspruch nehmen können, oder?“. Sie verneint: „Die haben halt keinen Bedarf und dann geht das nicht.“ Was für ein Schwachsinn: Kindern von Arbeitslosen ist es also amtlich untersagt, in den Ferien tagsüber in der Schule oder dem Hort mit ihren Freunden zu spielen. Weiß eigentlich irgend ein Politiker, welcher Unsinn sich da abspielt? Ich flehe die Sachbearbeiterin an, mir doch endlich diesen blöden Bedarfszettel zu geben. Sie geht darauf ein und bittet mich aber, umgehend den Einkommensnachweis zu faxen oder per Mail zu senden. Außerdem könne sie mir den Bedarfsschein nicht sofort geben, denn das würde schon einige Tage oder Wochen dauern. Auch das muss jedem Bürger klar sein: Wenn ein Amt mal was für den Bürger machen kann, dann aber bitte nicht sofort – wo kämen wir denn da hin, wenn das alles so schnell ginge? Falsch: Sie gibt mir einen vorläufigen Bedarfsmeldungsbestätigungsmiteilungsnachweis in die Hand (oder wie auch immer dieser zettelmäßige Bürokratenquatsch heissen mag). „Damit können Sie dann zur Kita oder zum Hort. Leider erkennen das nicht alle Einrichtungen an. Viel Glück.“ sagt sie noch zum Abschied. Super! Ich habe also einen amtlich-staatlichen Zettel, der von amtlich-staatlichen Schulen und Kitas vielleicht nicht akzeptiert wird: Ja, das ist Deutschland, so lieben wir es! Was sagt eigentlich der Wovereit dazu? Hauptsache die Sache bleibt spannend, denke ich. Fazit: Das Schicksal meint es heute wirklich gut mit mir: Ich gehe mit einem vergilbten und gestempelten A5-Zettelchen aus dem Amt. Also verlassen wir zufrieden diesen Tempel der unverständlichen Regelungen und absurden Formulare.

Damit also das Kind wenigstens morgen am Vormittag mit seinen Freunden spielen kann, gehen wir gleich zur Schule, um diesen Sonderbetreuungsvertrag (oder was auch immer das sein mag) abschließen zu können. Die Schule ist auch geöffnet, aber das Büro hat heute leider nur bis 15:00 Uhr Sprechstunde. Yes, we cannot! Genau bis 15:00 Uhr! Man hat also KEINE Chance, denn wenn das Jugendamt öffnet, dann schließt das Schulsekretariat exakt zur gleichen Zeit. Die haben sich abgesprochen und gegen die Eltern oder speziell gegen mich verschworen. Genau, das ist es: Eine Verschwörung auf allerhöchster Ebene – wahrscheinlich hat sich das deutsche Innenministerium mit dem mächtigen Verein der Meerschweinchenfreunde in Österreich zusammen getan und eine Betreuungsattacke auf mich von langer Hand vorbereitet – bestimmt planen die das seit den frühen 70er Jahren, sonst hätte das ja gar nicht so perfekt funktioniert. Nun, das sind halt absolute Profis; was soll ich da machen? Egal, denke ich, morgen ist ja auch noch ein Tag.

Tag 6 (Freitag): Der Tag des Showdown ist gekommen. Wie bildet man überhaupt den Genitiv von Showdown? Solche und andere überlebensnotwendige Fragen gehen mir durch den Kopf: Werden wir es heute schaffen? Gewinnt der verschworene Geheimbund und verhindert, dass mein Sohn seine Freunde sieht? Wird der Schweinefreunde e.V. eine Rolle dabei spielen? Werden sich die Ferkel (s. Photo) auch daran beteiligen?

Wir stehen pünktlich um 8:00 Uhr vor dem geöffneten (!) Sekretariat. Der Chef ist da (!). Das wird bestimmt ein Happy End, denke ich. „Ja, also da müssen Sie einen Vertrag mit dem privaten Träger abschließen.“, sagt der nette Herr. „Klasse, “ sage ich, „deshalb sind wir ja hier. Ich unterschreibe und mein Sohn kann dann sicher gleich hier bleiben.“ Meine Freude wird allerdings getrübt: „Naja, der Träger ist nicht hier im Hause und normalerweise braucht das ein paar Tage …“, bremst der Herr meinen Optimismus mit seinen „brutalstmöglichen“ Worten. Meinem entgleisten Gesichtsausdruck kann er allerdings entnehmen, dass er da jetzt irgendwas machen muss, was in eine positive Richtung deutet (vielleicht hatte er ja auch Todesangst …). „Äh, Sie können da jetzt selbst zum Träger fahren und den Vertrag abschließen. Ich telefoniere dann mit denen und Sie könnten dann ab Montag Ihr Kind zu uns bringen.“, versucht er die Situation zu retten. Ich gehe natürlich darauf ein: „Wissen Sie, ich bin jetzt seit einer Woche damit beschäftigt, meinen Sohn dahin gehen zu lassen, wo er auch sonst immer hingeht: Zur Schule. Also, was soll’s?“, entgegne ich in einem Anflug von gleichgültig-routinierter Restmotivation, die schon deutlich von Resignation geprägt ist. Er gibt mir die Adresse und wir fahren los.

Nach 20 Minuten sind wir da. Wir kommen bei der Sachbearbeiterin ins Büro, und ich erzähle ihr von der Betreuungsodyssee. Sie scheint mäßig interessiert zu sein an unserer Geschichte und teilt mir mit, dass es da einen Standardvertrag gibt, der für das Schuljahr gilt. „Aha, für das ganze Schuljahr?“ frage ich, „Das ist doch bestimmt mit Kosten verbunden, oder?“ Sie antwortet leicht defensiv: „Ja, aber die genaue Höhe kann ich Ihnen nicht sagen.“ Aha, so einfach ist das also. Ich werde nun deutlich: „Also fassen wir das mal zusammen: Ich will für Montag und Dienstag nächster Woche meinen Sohn in die Schule schicken, dafür renne ich nun die gesamte Woche hin und her und muss nun für die 2 Tage einen Vertrag für ein ganzes Jahr abschließen ohne zu wissen, was mich der Spaß kostet. Ist das soweit korrekt?“
Nun entgegnet die gute Frau noch vorsichtiger: „Nun ja, ich kann Ihnen da eine Liste geben, da können Sie ungefähr sehen, was das kostet…“.
Ich schaue auf die Liste und stelle fest, dass ich wohl so um die 60,- Euro pro Quartal zahlen müsste. Ich sage: „Also wenn ich nur für die 2 Tage die Betreuung benötige, muss ich nun 240,- Euro zahlen? Das ist doch völlig am Bedarf vorbei geregelt. Das ganze Verfahren ist ja an Absurdität nicht mehr zu überbieten. Ist ja irre!“.
Übrigens ist die entsprechende Regelung das Tagesbetreuungskostenbeteiligungsgesetz – allein für den Namen dieses Gesetzes sollte man den „Erfinder“ mal eine Woche lang auf einem Kita-Kinderstuhl festbinden – die Thrombose in den Beinen soll der dann auch mal selbst behandeln. Am besten man bindet die beteiligten Politiker gleich mit an den Stuhl.
Nun ja, sie sagt jedenfalls: „Nun, so sind die Bestimmungen. Ich habe die nicht gemacht. Da kann ich nichts für.“
Ah ja, dieses Bürokratentotschlagargument kennt man ja. „Ich möchte den Menschen sprechen, der diesen Schwachsinn verzapft hat.“ sage ich, „Wo ist das Subjekt?“
„Das weiß ich nicht. Sind wohl die Politiker.“ entgegnet Sie ratlos, fügt dann aber hinzu: „Ich könnte Ihnen vielleicht auch einen Quartalsvertrag anbieten. Das könnten wir mal versuchen. Aber ich weiß nicht genau, ob das funktioniert.“
Ich antworte: „Und wenn das nicht klappt, habe ich wieder ein Jahresvertrag an der Backe. Ist ja toll!“.
Dann klingelt das Telefon und Sie muss irgend eine andere Bürokratenaktivität besprechen. Ich schaue meinen Sohn an, er schaut mich an … wir beide stehen auf und gehen. Wir lassen einfach diesen bürokratischen Overkill hinter uns und lassen es gut sein. Man muss auch mal eine Niederlage akzeptieren und erkennen, dass man verloren hat, wobei ich es als Gewinn empfinde, wenn ich mit meinem Sohnemann zusammen bin und wir spielen: Wir haben dann in der Folgewoche eine richtig schicke gruselige Halloween-Verkleidung gebastelt, mit der wir bald mal zum Jugendamt gehen werden, um da mal etwas „Leben“ in die Bude zu bringen (s. Photo). Ich fürchte nur, dass wir in dem Zombie-Kostüm dort gar nicht so sehr auffallen …

Tja, so einfach endet die Geschichte. Nach dieser spannenden Woche und einem kaum kalkulierbaren volkswirtschaftlichen Schaden, der durch meine Aktivitäten und die „Tätigkeiten“ der vielen Sachbearbeiter entstanden ist, bleibt mir also nur noch der Blog. Ob ich mal dem Klaus Wowereit einen Brief schreibe? Der ist immerhin der Bürgermeister von Berlin und sollte seinen Amtsapparat kennen, oder? Nein Quatsch, der hat sicherlich keine Zeit für so einen profanen Betreuungsquark und muss eher so wichtige Sachen wie die Schirmherrschaft und die Eröffnungsrede für das Festival of Lights übernehmen – ja, lasse Dein Licht leuchten. Da war doch noch ein Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung (und Bürokratie) oder? Ja, richtig,Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner ist der Mensch mit dem Durchblick beim Jugendamt. Was da auf „seiner“ Webseite steht, ist „faszinierend“ (würde Mr. Spock, der Halbvulkanier sagen): „Unsere Gesellschaft braucht gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und damit exzellente Kinderbetreuung.“ Ja, genau: Diesen Bedarf hatte ich auch vor einer Woche festgestellt. Toll, Herr Zöllner, das hat ja gut geklappt mit der Vereinbarkeit: Ich habe meinen Sohn (selbst) exzellent betreut, konnte mit ihm arbeiten gehen und viel Spielen. Vielen Dank, lieber Herr Senator! Weiter heißt es: „Unsere Gesellschaft lebt von einer guten Bildung für Kinder und Jugendliche, deshalb hat Bildung für uns Priorität.“ Auch dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Es ist einfach erfreulich, wenn man sieht, dass unsere Politiker den richtigen, bürgernahen Ton treffen und den markigen Worten auch Taten (der Sachbearbeiter) folgen lassen. Ich bin also rundum „bedient“ und zufrieden …

Nur eine Sache noch: Ich habe die Geschichte ja schon einigen Menschen erzählt und so manchen lustigen Kommentar gehört. Zuweilen habe ich mich dabei kritisch gegenüber den vielen (überflüssigen?) Bürokraten geäußert, denn zumindest in diesem Fall gilt: Wenn die schwachsinnigen Bedarfsregelungen und diese vielen sachbearbeitenden Amtstypen nicht dagewesen wären, hätte mein Sohn schön in der Schule mit seinen Freunden spielen können und der Staat hätte viel Geld sparen können (eine Win-Win-Situation sozusagen). Wie auch immer, es gab da einige zweifelhafte Subjekte, die mir entgegneten: „Was hast Du denn? Wenn die nicht in den Ämtern arbeiten würden, dann säßen sie auf der Straße und da kosten sie auch Geld“. Mir fällt dazu nicht viel ein, nur dass es manchmal hilft, die Großhirnrinde zu aktivieren, bevor das Sprachzentrum (unqualifiziert) zuschlagen kann. Gab es da nicht einmal die Verpflichtung zum verantwortungsvollen Umgang mit Steuergeldern durch die öffentliche Hand? Wieso sollen im Jugendamt viele gut bezahlte, aber sinnlose Amtsträger sitzen, die Unmengen an Steuergeldern kosten, wenn man sie sinnvoll für den freien Arbeitsmarkt weiterbilden könnte – oder kann man die nicht (weiter)bilden? Irgendwas habe ich da nicht verstanden. Auch sollten diese Knalltüten mir mal bei ihrem „staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramm“ mit dem Titel „Besser-beim-Amt-sitzen-als-auf-der-Straße“ erklären, wie mit dieser schreienden Ungerechtigkeit umzugehen ist: Während einige Menschen als praktisch unkündbare und gut versorgte „Dummies“ in den Ämtern sitzen dürfen, müssen andere von Hartz IV oder dem Verspeisen amtlicher Formulare leben. Das verstößt doch dann sicher gegen die Anti-Diskriminierungsrichtlinie der EU, oder? Solche Vorschläge sollten mit 5 Jahren „Haft“ im Jugendamt mit Zwangsausfüllen von vergilbten Antragsformularen mit anschließender lebenslanger Sicherungsverwahrung beim Bürgermeister persönlich geahndet werden. Nun ja, das mit dem Bürgermeister ist vielleicht ein bisschen zu hart – zugegeben. Aber der ist ja ohnehin so gut wie nie in der Amtsstube, denn „Mr. Pleite, aber Sexy“ muss schließlich seinen öffentlichen Verpflichtungen nachkommen und beispielsweise zum Neujahrsempfang der Vielflieger gehen. Bravo Wowi, weiter so!

Mein Sohn borgt ihm sicherlich mal das Halloween-Kostüm für den nächsten Empfang aus – als Ausgleich sozusagen, denn schließlich haben wir es ja auch der Politik zu verdanken, dass wir das Kostüm gemeinsam in den Herbstferien basteln konnten. Danke!

VEREIN DER

MEERSCHWEINCHENFREUNDE

IN ÖSTERREICH

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Über Prof. Dr. Roland Petrasch

Born 1965 in Berlin, Germany, study Mathematics at Beuth Hochschule (formerly TFH Berlin), Ph.D. from University Potsdam (Topic: Software Quality Management). System programmer at Nixdorf, Software engineer and project lead at Lufthansa Informationstechnik, consultant (freelancer). 1999 Professor at a private college (Nordakademie), and Hochschule für Technik und Wirtschaft (formerly FHTW Berlin), since 2003 professor for software engineering at Beuth Hochschule für Technik; research topics: software engineering, (agile) project and quality management, HCI; Books “Einführung in das Software-Qualitätsmanagement” and "Model Driven Architecture", Editor for „Software-Qualitätsmanagement: Theorie und Praxis“; Memberships: Gesellschaft für Informatik e.V., Fachgruppe "Software-Usability" (www.software-usability.de), MDSE (Model Driven Software Engineering, www.sig-mdse.org), Manager at Interactive Software and Media Engineering
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Eine Antwort zu Deutschland schafft sich ab? Nein: Deutschland bleibt sich treu – zumindest „bürokratisch“ gesehen …

  1. ahmet schreibt:

    „Lieber Herr Petrasch,
    Das kann nicht sein, was Sie beschreiben …“
    würde ich schreiben, hätte ich nicht Ähnliches mit meinen drei Kindern erlebt. Damals gab es keine Blogs, deswegen wurden die Geschichten unter Freunden ausgetauscht. Am Ende gründeten wir selbst eine Kita.
    Unsere eigentliche Geschichte war sehr kurz: Uns wurde vom Bezirksamt mitgeteilt, dass unser erstes Kind keine Aussicht auf einen Betreuungsplatz hätte, weil wir Doppelverdiener waren. Einer von uns hätte ganz auf den Beruf verzichten können, um das Kind eventuell auf eine Kita schicken zu dürfen. Deutschland hätte einen ausgebildeten Diplomingenieur verloren.
    Das Abschaffen hat also sehr früh begonnen.

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