Grundkurs für Politiker und Juristen: Verständliche Wortwahl (oder „Requirements Engineering für Anfänger)

Viel ist über das „Beamtendeutsch“ und unverständliche juristische Formulierungen geschrieben worden – ein Dauerärgernis für (nahezu) jeden Bürger, der weder Jura studiert hat noch ein linguistisches Genie ist. Wie auf eine (sinnvolle) Steuerreform warten wir seit Urgedenken darauf, dass sich etwas ändert, aber offenbar sind die Regierungen der Länder bzw. die Bundesregierungen mit irgend etwas anderem beschäftigt – vermutlich mussten sich alle der alternativlos gewordenen Verschuldung widmen. Nun ja, das kostet eine Menge Kraft; da bleibt nichts mehr übrig für „sprachliche Simplifizierungen“ – das ist schade. Da ist es kaum tröstlich, dass es dabei keine Rolle spielt, welche der (alten) Parteien gerade am Ruder war: Entbürokratisiert haben sie praktisch nichts, dafür aber umso mehr Schulden gemacht.

Aber genug der Theorie – gehen wir in die praktische Anwendung. Hier mal ein nettes Beispiel für den Formulierungsirrsinn von linguitistisch verwirrenten Menschen:
„Der Betreiber eines Telekommunikationsnetzes nach § 35 Abs. 1 des Gesetzes muß Leistungen gemäß § 33 Abs. 1 des Gesetzes einschließlich der jeweils erforderlichen übertragungs-, vermittlungs- und betriebstechnischen Schnittstellen in einer Weise anbieten, daß keine Leistungen abgenommen werden müssen, die nicht nachgefragt werden.“ (Quelle: Netzzugangsverordnung – NZV).
Übersetzt man diese juristisch-amtliche Darmverschlingung, soll es wohl sinngemäß heissen: „Der Kunde bekommt nur das, was er will“. Interessant ist dieser Teil des NZV schon deshalb, weil den Autoren hier einige grundlegende Dinge offenbar nicht klar waren:

a) Unnötige Wiederholung („Deppendoppelung“): Bei Nennung eines Paragraphen braucht man nicht jedesmal den netten Genitivkonstrukt „des Gesetzes “ aufzuführen, außer man leidet unter akuten „Blödsinnigkeitsanfällen“. Wenn ich mich auf ein anderes Kapitel oder einen anderen Paragraphen beziehe, brauche ich doch nicht jedesmal das Dokument zu erwähnen, das ich gerade lese. Kein vernünftiger Mensch schreibt in seinem Buch: „Wie schon in dem Kapitel 3.4 dieses Buches [das Sie Knalltüte gerade in den Händen halten] erwähnt …“. Es reicht doch völlig, nur bei externen Referenzen das Werk zu nennen.

b) Unnötige begriffliche Pseudo-Erklärungen („Glossarium-Mystikum“ oder „Glossar, Du unbekanntes Wesen“): Wenn man einen Begriff verwendet, dann kann man ihn beim ersten mal erklären oder im Glossar (Begriffssammlung) aufführen. Das gilt dann für das gesamte Dokument, das man liest. Jeder, der auch nur ein halbes Semester an einer Baumschule studiert hat, weiß das. Auf keinen Fall braucht irgend jemand auf dieser Welt ständig eine Erinnerung, wo oder wie der Begriff nun definiert ist. Wer also so etwas schreibt wie „Der Betreiber eines Telekommunikationsnetzes nach § 35 Abs. 1“ sollte sich also nochmal an eine (Hoch-)Schule seiner Wahl begeben und sich dort erklären lassen, wie man vernünftg mit Begriffen umgeht – mein 7-jähriger Sohn steht da übrigens auch gern zur Seite.

c) Unnötige Nebensätze („Knallkopfkomplexität“): Es ist eine unglaublich tolle Eigenschaft der deutschen Sprache, dass wir Nebensätze bilden können. Ohne sie wäre das Leben erheblich schwerer. Wie können wir sonst so etwas formulieren wie „Sohnemann, ich würde Dir ja gerne den Zehntausend Euro treuren Roboter kaufen, aber ….“. Es scheint aber Menschen zu geben, die wenig aussagen (können), dies aber so nicht hinnehmen wollen und sich daher hinter unsinnigen Nebensätzen verschanzen müssen. Wer also so etwas schreibt wie „in einer Weise anbieten, daß keine Leistungen abgenommen werden müssen, die nicht nachgefragt werden“, der kann entweder nicht mit Adjektiven umgehen (z.B. „unerwünschte Leistung“) oder ist bösartig oder einfach nur ein Knallkopf.

d) Unnötige Ergänzungen („Blödsinnsappendix“): Die Angst etwas vergessen zu haben, ereilt uns ja jedes Mal nach dem Einkaufen … das ist doch aber kein Grund, bei allen Sachverhalten nun ergänzenderweise Dinge hinzuzufügen, die doch entweder auch für wirklich jeden Menschen(affen) sonnenklar sind oder an anderer Stelle (Stichwort: Glossar) besser aufgehoben wären. Stellen wir uns einmal vor, ich würde im Supermarkt ein Schnitzel an der Fleischtheke bestellen: „Ich hätte da gerne ein Schnitzel einschließlich der dafür notwendigen Dienstleistungen für die Tötung des Tieres (der Sau), der Zerteilung, der Säuberung und der Verpackung sowie der Lieferung des Verpackungsmaterials …“. Wenn ich mit meinem Satz dann fertig wäre, würde das Stück Fleisch schon längst vergammelt sein. Warum also terrorisiert der Jurist oder der Beamte uns mit Ergänzungen wie „einschließlich der jeweils erforderlichen übertragungs-, vermittlungs- und betriebstechnischen Schnittstellen“? Keiner weiß das – außer natürlich der Blödmann, der diese Formulierung „ersonnen“ hat.

Es wäre also für (fast) jeden Menschen auf dieser Welt unter Beachtung der Deppendoppelung, des Glossarium-Mystikums, der Knallkopfkomplexität und des Blödsinnsappendix‘ möglicht gewesen, einen einfacheren Satz hervorzubringen:

„Der Betreiber muß Leistungen in einer Weise anbieten, daß keine unerwünschten Leistungen abgenommen werden müssen.“

Zum Vergleich hier nochmal das Originalungetüm:
„Der Betreiber eines Telekommunikationsnetzes nach § 35 Abs. 1 des Gesetzes muß Leistungen gemäß § 33 Abs. 1 des Gesetzes einschließlich der jeweils erforderlichen übertragungs-, vermittlungs- und betriebstechnischen Schnittstellen in einer Weise anbieten, daß keine Leistungen abgenommen werden müssen, die nicht nachgefragt werden.“ (Quelle: Netzzugangsverordnung – NZV).

Aber es geht noch einfacher oder besser gesagt: verständlicher:

„Der Betreiber muß Leistungen so anbieten, daß ein Kunde keine unerwünschten Leistungen kaufen muss.“

Schaut man sich diesen Satz an, dann fragt man sich schon, ob das nicht ohnehin schon durch das BGB oder andere Gesetze verboten ist. Eigentlich steht da jetzt ja nur, dass ich niemanden betrügen soll. Hmmm, interessant ist also, dass man als Gesetzgeber in der Netzzugangsverordnung für die Telekommunkation nochmal explizit schreiben muss: „Hau bitte Deine Kunden nicht übers Ohr!“. Das scheint also in der Branche dringend notwendig zu sein. Und für so einen „Gesetzestext“ haben wir Bürger (viel? wieviel?) Steuern investiert. Wenn ich also für meinen Reisepass 59,00 Euro oder so zahlen muss (ich frage mich bis heute, wie die auf den Betrag kommen und warum es nicht 59,25 Euro sind), dann will ich auch wissen, was mich eine Netzzugangsverordnung gekostet hat, in der steht, dass man andere nicht behumsen soll – und warum man dafür studierte Juristen braucht (gibt es da nicht sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten? Also ich brauche da ab und zu mal einen Babysitter …).

Und während sich die „etablierten“ Parteien noch wundern und sich fragen wie jemand 8.9% der Stimmen bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl bekommen kann, darf ich hier einmal etwas „Werbung“ machen: „Verordnungen, Diskussionspapiere und Vertragswerke sollten so kurz und sprechend wie möglich und für den Bürger verständlich gehalten werden.“ (Quelle: Piratenpartei).

Offenbar gibt es eine wachsende Zahl von Bürgern, die den anderen Parteien so einfache Dinge wie die eine verständliche Wortwahl nicht (mehr) zutrauen.

Ach so: Was hat denn das alles nun mit „Requirements Engineering“ zu tun? Nun, ich bin Informatiker und muss deshalb (möglichst) viele englische Begriffe verwenden (sorry, aber das ist genetisch und nicht mehr zu heilen). „Requirements Engineering“ befasst sich als Teildiszipkin der Informatik mit den Anforderungen (von Kunden, Anwendern etc.). Das ist wichtig, weil man – bevor man etwas kauft – ja klar sagen muss, was man will und was nicht. Eine sehr wichtige Regel für den Anforderungsanalytiker, der die Anforderungen für den Kunden aufschreiben soll, lautet: „Verwende die Sprache der Anwender “ („Use the language of the end-user“). Das ist eine ganz einfache Regel und sollte jedem Menschen (nicht nur den Informatikern) klar sein. Warum geht das bei Gesetzen nicht (immer)? Wir Bürger sind doch die Anwender (User), oder?

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Über Prof. Dr. Roland Petrasch

Born 1965 in Berlin, Germany, study Mathematics at Beuth Hochschule (formerly TFH Berlin), Ph.D. from University Potsdam (Topic: Software Quality Management). System programmer at Nixdorf, Software engineer and project lead at Lufthansa Informationstechnik, consultant (freelancer). 1999 Professor at a private college (Nordakademie), and Hochschule für Technik und Wirtschaft (formerly FHTW Berlin), since 2003 professor for software engineering at Beuth Hochschule für Technik; research topics: software engineering, (agile) project and quality management, HCI; Books “Einführung in das Software-Qualitätsmanagement” and "Model Driven Architecture", Editor for „Software-Qualitätsmanagement: Theorie und Praxis“; Memberships: Gesellschaft für Informatik e.V., Fachgruppe "Software-Usability" (www.software-usability.de), MDSE (Model Driven Software Engineering, www.sig-mdse.org), Manager at Interactive Software and Media Engineering
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2 Antworten zu Grundkurs für Politiker und Juristen: Verständliche Wortwahl (oder „Requirements Engineering für Anfänger)

  1. derroman schreibt:

    hahahaha… endlich mal wieder ein Beitrag. und dann auch noch so ein guter…

    Das von Ihnen beschriebene Phänomen ist nicht nur im vermeintlichen Juristendeutsch zu finden, sondern auch sehr oft in Dokumentationen, Protokollen und anderen Dokumenten, die eine einfache IT-Firma den ganzen Tag hervorbringt…

    (war das nun ein ordentlicher Satz?)

  2. Roland Petrasch schreibt:

    Ja, das stimmt: Es ist ein interdisziplinäres Phänomen. Deshalb ist das ja auch so spannend und aktuell. Ich wollte da mal „ein Zeichen“ setzen und hoffe, dass sich möglichst viele „Botschafter“ finden, die die frohe Kunde vom verständlichen Wort in die Welt tragen und den irregeleiteten Juristen, Amtsvorstehern und Schreibtischtätern den richtigen Weg weisen.
    Auf Ihre Frage „(war das nun ein ordentlicher Satz?)“ entgegne ich wie folgt:

    a) Unnötige Klammerung („Klammeraffeninfekt“): Eine Frage darf auch ohne Klammern stehen. Freiheit für die Fragen!
    b) Unnötige Kleinschreibung („Kleinigkeitenvirus“): Ein Satz und damit auch eine Frage fängt immer mit einem Großbuchstaben an.
    c) Unklare Semantik („Bedeutungsdeutung“): Was ist ein ordentlicher Satz? Gibt es unordentliche Sätze? Ja, wenn ich mich manchmal reden höre, dann glaube ich da an unordentliche Sätze.

    Also versuchen wir einmal zwei neue Versionen:
    a) War das nun ein verständlicher Satz?
    b) War das nun ein korrekter Satz?
    Antwort: Ja!

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