Social Mediality: Eine binäre Entscheidung?

#Schrei

8:15 Uhr: Also heute morgen kam eine Push Message von WhatsApp, die ich doch beinahe übersehen hätte, da ich in Plaxo gerade noch einen neuen Business Contact erfassen musste, der bisher nur in Skype vorhanden war und da das nicht mit den Google Contacts verknüpft war, musste ich erst mal den Contact selbst checken … oder so. Eigentlich wollte ich ja mein yasni VIP ranking etwas verbessern und daher den Contact zu einem Skill Endorsement auf LinkedIn auffordern, aber der war ja bisher nur auf XING zu finden und da könnte ich ja eine Referenz auch gut gebrauchen …. hmmmm. Aber vielleicht wäre mal ein Tweet auf Twitter ganz gut, um den Followern zu zeigen, dass man noch lebt bzw. online ist (letzteres ist vermutlich wichtiger – wen kümmert es denn, wenn mal ein Contact das Zeitliche gesegnet hat? Hauptsache da ist noch Traffic „drin“ …).

8:44 Uhr: Aber zurück zum Kernthema: Während ich also noch in Google+ ein paar Circles update, bemerke ich, dass da eine SMS reinkommt: „Waaaaas?“, denke ich, „da schickt noch jemand eine SMS?“. Also dieses Rudiment vergangener semi-digitaler Tage muss erst einmal belehrt werden, dass das doch bitte mit dem Line Instant Messenger viel besser geht: Ich schicke also kurzerhand ein Reply, mit der Hoffnung, von diesem Contact erst wieder zu hören, wenn er mich auf Facebook gefunden hat – das drüfte dauern. Ach ja, auf Facebook wollte ich ja die Page einpflegen, aber man kommt ja zu nichts, denn jetzt sind schon wieder 32 E-Mails aufgelaufen und ich habe noch nicht einmal in Delicious die neuen Bookmarks geadded. „Also gut.“, denke ich, „Dazu bin ich mir nicht zu schade …“ und öffene die erste Mail.

8:53 Uhr: Ein Glück, dass ich die Mail gelesen habe. Da war eine gute Info über jemanden drin, den ich über Academia kenne. Mensch, da muss ich mich doch glatt mal wieder einloggen und schauen, ob jemand eine Message hinterlassen hat.  Ach nein, jetzt weiß ich wieder: Ich wollte ja auf DZone diesen Cloud-Artikel lesen. Ist ja wichtig, sich immer weiterzubilden … „Life long learning“ hat absolute Priorität. Aber da piept je schon wieder das Smart-Phone.

9:11 Uhr: Das war kein Piepsen, sondern ein Klingeln. Ich hasse Telefonate – das ist so eine analoge synchrone Kommunikationsform auf der Basis von Schallwellenübertragung. Einfach ekelig so etwas. Erst mal einen guten Kaffee nach dem Schreck. Aber nein: Ein Unglück kommt selbst allein, denn das schwarze Gold ist alle. Es besteht also akute Lebensgefahr.

9:16 Uhr: Jetzt werde ich erstmal auf Foursquare nachsehen, wo es den besten Kaffee hier gibt – wozu hat man denn das Web? Aber die Map ist ja gruselig … also auf zum Original: Auf Google Maps mal die Location mit Street View ansehen, damit wir in der realen Welt nicht wieder dran vorbeifahren. Jetzt kommt doch glatt noch eine Mail über gmail rein: Aha, Spoke arbeitet jetzt mit dem Reputation Defender – das ist gut zu wissen. „Man kann ja nie vorsichtig genug sein, wenn man sich in diesen sozialen Netzwerken bewegt …“, danke ich so. Da sind meine Daten also ganz bestimmt sicher.

9:20 Uhr: Mist, immer noch kein Kaffee. Ich schaffe das einfach nicht, vor die Tür zu gehen. Gibt es eigentlich doorstepdelivery.com auch in Berlin? Auf die Homepage zu gehen, wäre ja auch irgendwie zu einfach … Auf der anderen Seite spüre ich meinen Pulsschlag kaum noch. Also mal die Online Contacts in Gwibber ansehen. Da muss doch einer in meiner Nähe sein, der Frühstück vorbeibringen kann. Treffer!

9:20 Uhr: Frank bringt Kaffee und ich zeige ihm das Studi-Projekt über Social Network Analysis, welche meine 4 GB an E-Mails durchforstet, damit ich mal endlich die Multiplexity und Mutuality zu meinen Contacts ermitteln kann. Zugegeben, das Kriterium Homophily klingt erstmal komisch, aber es ist in der Soziologie „nur“ die Tatsache gemeint, dass Freunde nach Kriterien ausgesucht werden, die zu einem selbst passen – man „rottet“ sich also zusammen, könnte man sagen. Dieser Ausflug in die soziale Netzwerktheorie bringt uns zu der Frage, ob es Second Life noch gibt. Das letzte mal habe ich in Verbindung mit den Piraten davon gehört. Aber mein Blick fällt auf die nächste E-Mail von indenti.ca, die mich zu einer auf eine JQuery Group aufmerksam macht. War da nicht was ähnliches auf competence-site? Ich weiß es nicht.

9:33 Uhr: Der Kaffee war gut, aber irgendwie entwickelt sich der Vormittag nicht so richtig produktiv. Aha, da kommt wieder eine Mail: Jetzt sind es schon 67 neue Mails (ohne die Messages von Skype, WhatsApp, Line und Co.). Kein Problem, ich werde mal meinen Avatar motivieren, das für mich zu erledigen – also auf zu Gravatar …

#Schrei

Was soll uns das jetzt alles sagen? Soll ich mich nun in die Reihe derer, die vor der digialen Klagemauer stehen, einreihen und fürchterlich zweckfrei schimpfen? Schimpfen, wie hektisch und schnell diese schlimme digitalisierte Welt doch ist? Nein. Auch der Urlaub ist keine Lösung.

Die Überschrift ist Social Mediality, wobei das Mediality ein Kunstwort ist (Media + Reality). Medien sind oftmals digital(isiert), aber natürlich in der Realität und im sozialen Umfeld mit all ihrem Wechselwirkungen relevant. Dieser thematische Zusammenhang will das Wort Social Mediality in den Fokus setzen. Tolle Wortschöpfung, nicht wahr?

Was wir mit den Medien und dem Internet machen, ist soweit in Ordnung: Wir probieren aus (Trial and Error) und der Umgang mit Medien im Kontext sozialer Strukturen verändert sich (mal wieder). Das muss erlernt und erfahren werden – langfristig vorhersehen, wohin das führt, kann (noch) kaum jemand, d.h. wir fahren allesamt auf Sicht. Die Auswüchse, die der kleine o.g. Diskurs üerzeichnet darzustellen versuchte, sind dann mehr oder weniger billigend in Kauf zu nehmen, wenn deren Konsequenz halbwegs abschätzbar sind. Frage: Kann ich eigentlich abschätzen, was mit all meinen Daten in den social Networks geschieht? Habe ich eine Chance, die Konsequenzen meines digitalen Handelns abzuschätzen? Vermutlich nicht. Also gibt es Menschen, die sich komplett verweigern und welche, die die Risiken (bewußt oder unbewußt) eingehen. Das ganze könnte sich recht „digital“ entwickeln, denn es läuft evtl. auf eine binäre Entscheidung hinaus:  Bin ich dabei oder nicht? Die, die dabei sind, wollen die social Mediality ausprobieren und von ihr profitieren. Als Wissenschaftler kann man derartige Versuche durchaus positiv sehen, wenn es Schutzmechanismen gibt. Leider findet der Versuch im realen Umfeld statt. Wir mussten tragischerweise die Erfahrung machen, dass social Mediality tödlich sein kann (Stichwort Cyber Mobbing).

Es wäre schön, wenn es einen Mittelweg gäbe, d.h. eine Art Silder, bei dem ich auf einer Skala zwischen 0 und 100 % einstellen kann, welchen Grad an Privatspähre ich möchte, wobei 100 % dann wohl der „gläserner User“ wäre, der sein soziales Netzwerk offenlegt. In Ansätzen gibt es das ja auch. Die Grundsatzdiskussion könnte müßig sein. Beispiel: Kaum noch jemand wird über die Gefahren einer EC-Karte nachdenken und den Schluß ziehen, sich nur noch am Bargeldschalter bedienen zu lassen – er oder sie verwendet das einfach, auch wenn die Benutzung der EC-Karte wesentlich problematischer ist als ein Profil auf Facebook. Auch wenn es also kaum noch im Grundsatz um die Teilhabe an der social Mediality geht, so sollte die Ausgestaltungsdiskussion intensiv geführt werden.

Sind wir also am Ende alle irgendwie in der sozialen Mediality angekommen und dort persistiert? Wäre das schlimm? Die Antwort ist … oh, da kommt schon wieder eine Instant Message rein.

P.S.:  Bevor ich Kommentare bzgl. der „analogen synchronen Kommunikation“ bekomme: Ja, auch das visuelle System ist analog. Und ja, wir haben i.d.R. als User noch keine „echte“ digitale Schnittstelle zur Hardware. Es war halt scherzhaft gemeint 🙂

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Über Prof. Dr. Roland Petrasch

Born 1965 in Berlin, Germany, study Mathematics at Beuth Hochschule (formerly TFH Berlin), Ph.D. from University Potsdam (Topic: Software Quality Management). System programmer at Nixdorf, Software engineer and project lead at Lufthansa Informationstechnik, consultant (freelancer). 1999 Professor at a private college (Nordakademie), and Hochschule für Technik und Wirtschaft (formerly FHTW Berlin), since 2003 professor for software engineering at Beuth Hochschule für Technik; research topics: software engineering, (agile) project and quality management, HCI; Books “Einführung in das Software-Qualitätsmanagement” and "Model Driven Architecture", Editor for „Software-Qualitätsmanagement: Theorie und Praxis“; Memberships: Gesellschaft für Informatik e.V., Fachgruppe "Software-Usability" (www.software-usability.de), MDSE (Model Driven Software Engineering, www.sig-mdse.org), Manager at Interactive Software and Media Engineering
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3 Antworten zu Social Mediality: Eine binäre Entscheidung?

  1. Mit Social Mediality ist hier etwas anderes gemeint als der vorhandene Begriff Medialiy (Medialität) vielleicht vermuten lässt: Mediality ist ursprünglich der Grad, in dem ein Medium in der Lage ist, den Content zu kommunizieren. Social Mediality soll jedoch den sozialen Kontext, d.h. den Menschen in dieses Konzept einbeziehen: Der Gard, in der ein soziales Wesen mit Hilfe von Medien die (eigene) Realität ausgestaltet und kommuniziert. Aber vermutlich ist der Begriff Social Mediality so „unscharf“ und überladen, dass er so nicht überleben wird.

  2. Fred Kaminski schreibt:

    Man könnte auch sagen, dass hier ein System immanenter Zustand in Wechselwirkung mit seiner Umwelt steht bzw. interagiert. Social könnte hier das Projektmanagement sein. Ich glaube, der Begriff Social wird etwas inflationär genutzt heutzutage. Daten persitent zufügbar zu halten , egal ob FB, Twitter, XING etc. ist ja nicht Social. Wenn ich mir die Zwänge ansehe, immer online zu sein, alle Medien zu beherrschen, dann ist das auch unsozial, da bestimmte Gruppen oder Teilnhemer ohne FB Account, oder SMS Nutzer etc.ausgegrenzt werden. Ich stimme auch zu, dass der Begriff eher nicht überleben wird. 🙂

  3. Roland Petrasch schreibt:

    Kurz zur Schreibweise: Mit „System immanent“ ist sicherlich das Adjektiv „systemimmanent“ gemeint (das schreibt man in der deutschen Sprache dann als ein Wort). Die Gefahr des semantischen Glatteises bei der Getrennt- und Zusammenschreibung „lauert“ an jeder syntakischen Ecke, z.B. bei „richtigstellen“ und „richtig stellen“ oder „totmachen“ oder „tot machen“.
    Aber nun zum Kern des Kommentars: Den „systemimmanenten Zustand“, der „in Wechselwirkung mit seiner Umwelt“ steht, verstehe ich nicht so ganz: Ein Zustand ist in der Automatentheorie ja nichts anderes als díe Menge der (gespeicherten) Informationen (in einem zustandsbehafteten System) zu einer bestimmten Zeit. Dies impliziert, dass ein Zustand erst einmal nicht interagiert bzw. aktiv ist. Weiterhin macht aus meiner Sicht der Begriff „systemimmanenter Zustand“ wenig Sinn, denn transzendente Zustände sind mir der Informatik noch nicht untergekommen (das scheint es nur in der Physik zu geben: Das Tachyon schafft wohl eine unendliche Geschwindigkeit und damit den transzendenten Zustand). Auch in der Soziologie bin ich noch nicht über „systemimmanenten Zustand“ bzw. einen dazu gegensätzlichen transzendenten Zustand gestolpert (aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren).
    Ich stimme aber völlig damit überein, dass der Begriff „social“ überstrapaziert ist (so wie seinerzeit „multimedial“). Vielleicht brauchen wir diese Attributierung auch nur temporär, um eine neue Entwicklung zu kennzeichnen oder eine Abgrenzung zu tradierten Konzepten vornehmen zu können.

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