Einkaufen, Tanken, Fehlermeldungen und der Inkongruenzentdecker

Ja, heute hat er mal wieder zugeschlagen – mein Inkongruenzentdecker. Aber mal schön der Reihe nach. Heute musste ich etwas einkaufen, wobei ich das nur deshalb als zwanghafte Handlung darstelle, weil ich keine große Lust darauf hatte – aber egal. Ich bin jedenfalls relativ gut bis zur Kasse gekommen, da passierte es wieder einmal: Die Verkäuferin fragte mich, ob ich so eine “Karte” hätte. Wie hieß das Ding gleich? Berlin- oder Deutschland- oder Universumkarte oder so ähnlich. Spielt ja auch keine Rolle. Ich bekomme einen erhöhen Adrenalinspiegel und sage so freundlich wie es eben geht: “Nein, habe ich nicht – will ich auch nicht.”. Warum ich so allergisch auf dieses Zeugs reagiere, weiß ich eigentlich auch nicht so recht. Alles fing mal bei einer Aral-, Esso- oder Shell-Tankstelle an. Ich wollte schnell mal tanken, hielt an der Zapfsäule an und stieg aus. Da jubelt mir der Tankwart entgegen: “Willkommen bei Shell (oder Aral oder so)”. Ich hatte kommunikationsmäßig einen ganz schlechten Tag (war etwas Eile) und sage mit einem genervten Unterton: “Willkommen an meinem Auto”. Er merkt schon, dass das Gespräch nicht so richtig gut laufen wird, bietet mir aber das beste Hyper-Premium-Ultra-Turbo-Super-Benzin an. Ich sage zu ihm: “Sieht mein alter Wagen vielleicht so aus, als würde er das vertragen?”. Dann bietet er mir an, das Auto zu betanken. Ich lehne freundlich ab und sage, dass ich das durchaus noch gerade so selbst hin bekomme. OK, das wäre erledigt. Ich dachte schon, dass ich nun endlich diese lästige Tankerei abschließen kann und gehe an die Kasse. Ich freue mich, weil ich gleich drankomme. “Haben Sie eine Kundenkarte?” trällert die Kassiererin. “Äh, Nein.” sage ich verdutzt. “Wollen Sie eine Kundenkarte haben?” fragt Sie gut gelaunt. “Nein, will ich nicht”, sage ich mit leicht irrem Blick und schon recht unverblümt genervt, weil mir so viel Kommunikation beim Tanken gar nicht gut bekommt. “Haben Sie eine ADAC-Karte?” zwitschert es. „Äh, ja“ sage ich in meiner spontanen Ehrlichkeit und realisiere mal wieder, dass man nicht immer die Wahrheit sagen sollte. „Wollen Sie Rabatt oder Punkte?“. Ich frage mich, ob das überhaupt kein Ende mehr nimmt und ziehe nun die Notbremse: „Nein ich habe es mir überlegt: Ich habe gar keine ADAC-Karte“. „Wollen Sie vielleicht noch einen Kugelschreiber? Ist heute im Angebot“. Mein verzweifelter Blick scheint ihr zu signalisieren, dass das Ende dieses Dialoges nun erreicht sein muss oder ein Unglück größeren Ausmaßes droht. Völlig „bedient“ verlasse ich diesen Ort der aufgezwungenen Gespräche. Ich schwöre, dass ich nie wieder bei Shell – oder Aral oder wo das auch immer war – tanken werde. Nun, das Schlimme ist ja gar nicht dieses elende Verkaufsgequassel (die Leute sind ja alle ganz nett), sondern die Tatsache, dass man seine persönlichen digitalen Fußspuren hinterlassen soll und dann mit ein paar Bonuspunkten „großzügig“ belohnt wird. Aber gut, lassen wir diese Nörgelei – als Verbraucher hat man ja die Wahl und kann „nein“ sagen … zumindest manchmal. Ich habe mich beinahe an dieses neue „Einkaufen 2.0“ gewöhnt, aber manchmal schlägt wie schon gesagt mein Inkongruenzentdecker doch noch zu (ich kann nichts dafür, den Namen haben die Wahrnehmungspsychologen erfunden, glaube ich zumindest). Das Ding mit dem sperrigen Namen sorgt dafür, dass wir bei außergewöhnlichen Situationen nicht einfach so weitermachen wir bisher (was ja wohl sofort die Frage aufwirft, ob unsere Politiker über einen solchen Inkongruenzentdecker verfügen). Wenn also etwas nicht stimmt mit unserer Umgebung, dann schlägt „er“ zu und lässt uns erst einmal nachdenken und analysieren, was da nicht stimmen könnte. Passieren solche Ausnahmen zu oft, dann setzt eine Art Abstumpfung ein – wie sonst wäre es zu erklären, dass wir am PC bei den vielen lustigen Fehlermeldungen nur noch hirnlos die OK-Taste drücken, obwohl dort steht: „Absturz: Ihre gesamten Daten sind verloren gegangen.“ oder so etwas ähnliches. Und wir? Wir drücken halt die OK-Taste, weil das alles nun einmal OK ist. So wie bei der Tankstelle oder beim Einkauf: Wir geben unsere Kärtchen und freuen uns über die Bonuskrümel, weil das alles OK ist. Ich muss zugeben, ich habe auch schon recht viele Kärtchen, aber immerhin gibt es da noch eine Resistenz gegenüber der Tank- und Deutschlandkarte. Mal sehen, wann mein Inkongruenzentdecker auch hier aufhört, aktiv zu sein und ich wie in Trance den OK-Button drücke, weil halt alles OK ist …

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